Du kannst mit einem + Suchbegriffe hinzufügen, mit einem - ausschließen oder mit "" nach einer Phrase suchen
Rezension | »Nächsten Sommer« von

Ein kurzweiliger Spaß für einen sommerlichen Nachmittag auf dem Balkon oder im Park

Rai, Edgar - Nächsten Sommer

Normalerweise gefällt mir ein Buch und daraufhin schaue ich nach weiteren Büchern des selben Autors. Wenn mir ein Buch besonders gut gefällt, kann es also durchaus vorkommen, dass ich anschließend einige Weitere des selben Autors lese. So ging es mir beispielsweise im vergangenen Jahr mit Simon Beckett. Nachdem ich so viele positive Stimmen zu seiner Reihe um David Hunter vernahm, kaufte ich »Die Chemie des Todes« und noch während der letzten Seiten, bestellte ich »Kalte Asche« und »Leichenblässe«.

Bei »Nächsten Sommer« des in Berlin lebenden Autors Edgar Rai war es anders. Auf der Suche nach interessanter Literatur Berliner Autoren fiel mir Edgar Rai eher zufällig ins Auge – wegen seiner vom Verlag verbreiteten Biographie. Sie machte mich neugierig und lies mich, zur damals aktuellen Lektüre passend, an Simon Beckett denken. Ebenso wie Rai, verlief auch Becketts Biographie eher wechselhaft. Ich bin der festen Überzeugung, dass es Berufsgruppen gibt, darunter Autoren und Lehrer, denen eine abwechslungsreichen Biographie und die damit oftmals verbundene Lebenserfahrung sich positiv auf die Arbeit auswirkt.

Da es sich bei »Nächsten Sommer« schon dem Titel nach um ein Sommerbuch handelt, wartete ich also auf die ersten aufeinanderfolgenden Wochen, in denen die Sonne mit ihrer Wärme und ihrem Licht meine sommerlichen Gefühle wecken würde und las es in zwei Tagen weg.

Worum geht’s?

Es geht um die Reise als Metapher der Selbstfindung. Das Ziel ist ein von Felix, dem Erzähler, „geerbtes“ Haus in Südfrankreich. Mitreisende sind seine Freunde Bernhard und Marc, später kommen noch Zoe und Jeanne dazu. Es geht um die Beziehung von Felix zu seinem Vater und seinem Onkel, dem er das Haus in Frankreich zu verdanken hat. Durch immer wieder eingestreute Rückblenden und Erinnerungen Felix’ erfahren wir ein wenig mehr über den despotischen Vater und damit über den Grund seines Seins. Diese Vater-Sohn-Beziehung schwingt immer mit, ist immer Bestandteil der Geschichte ohne zu vordergründig zu werden. Auch die anderen der bunten Truppe habe ihre Last zu tragen, auch sie haben Beziehungen mit denen sie fertigwerden und abschließen müssen. So geht es also auch um das Erwachsenwerden und auf sich selbst besinnen der Gruppe von 20-Somethings.

Marc hat den Beifahrersitz so montiert, dass man mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt. so sehe ich nie, was auf uns zukommt, sondern nur, was bereits hinter uns liegt. Wie meine Großmutter früher, den Blick immer in die Vergangenheit gerichtet. Vielleicht, denke ich, passiert das bei jedem irgendwann – dass sich der Sitz dreht und man nicht mehr nach vorne sieht, sondern nur noch nach hinten. Eine Frage des Alters. Oder der Einstellung. Vielleicht.

– S. 23 –

Rezension

Edgar Rai zeichnet die Charaktere wunderbar, verrät viel aber nicht zu viel, erzählt die Erzählung wie ein fest gesponnenes Netz, das dennoch  weitläufig und locker daherkommt. Die Sprache lädt zum Weiterlesen ein, in wenigen Stunden kam ich am Ende an, verbunden mit Wehmut und der Neugier, wie wohl die nächsten Bücher des Autors werden. Ich habe noch während der letzten Seiten »Vaterliebe« und »Sonnenwende« bestellt. Zum aktuellen Buch habe ich komischerweise noch keine Meinungen in anderen Blogs gefunden.

Dennoch muss ich sagen, dass ich irgendwie »mehr« erwartet hab, ohne wirklich formulieren zu können, warum mir das Buch eben jenes „mehr“ nicht gegeben hat. Das soll aber auch nicht heißen, das mir das Buch nicht gefallen hat. Es hat gefallen. Sogar gut. Es hat zu keinem Zeitpunkt gelangweilt und stellt mit seiner sprachlich lockeren, sehr gelungenen Beschreibung der Reise einer Clique aus Freunden und neuen Bekannten mit ihren Erlebnissen und Skurrilitäten verbunden mit der Verarbeitung einer Vater-Sohn-Beziehung und einem leichten und positiven Ende ein wirklich gelungenes Buch dar. Die Erwartung nach „mehr“ bringt vielleicht die Tatsache mit sich, dass ich selbst das Alter der Charaktere schon um wenige Jahre überschritten habe.

Zum Zeitpunkt unseres Eintreffens hat Pui 627 Einwohner. Wahrscheinlich. Die meisten sterben unbemerkt. Das Dorf implodiert. Jeden Monat einer weniger. Neuzugänge sind nicht zu verzeichnen. Die letzte Geburt datiert ins Jahr 2001 und wurde gefeiert wie die Auferstehung Jesu. Noch vor 20, 30 Jahren sah das anders aus. Es gab eine Schule, einen Kinderarzt, eine Bank, drei Restaurants, vier Bars und sogar ein kleines Kino mit 72 Sitzplätzen, betrieben von Jaques, dem Kioskbesitzer und leidenschaftlichen Cineasten, der dort freitag- und samstagabends die Filmrollen einlegte. […] Seither wird in Pui abgelebt, nicht aufgelebt.

– S. 118 –

Fazit

Ein kurzweiliger Spaß für einen sommerlichen Nachmittag auf dem Balkon oder im Park. Ohne die großen Fragen des Lebens zu beantworten, lädt es dazu ein sich selbst zu fragen, was man eigentlich vom Leben erwartet. Dieses Roadmovie macht Lust auf mehr und weckt sogar ein bisschen Fernweh.

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Durchleser’s Blog, Papiergeflüster, aus.gelesen und is a blog.

Von mir gibt's

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.