Du kannst mit einem + Suchbegriffe hinzufügen, mit einem - ausschließen oder mit "" nach einer Phrase suchen
Rezension | »Kopf aus den Wolken« von

Eine komplizierte Kindheit und der höchst menschliche Versuch damit umzugehen

Cerha, Ruth - Kopf aus den Wolken

Bereits im Sommer habe ich dieses Buch im Rahmen der Aktion Rezension für Eichborn gelesen. Da ich aktuell versuche meinen Rezensionsrückstau abzuarbeiten, kommt nun auch die Geschichte von Ruth Cerha als Rezension ins Blog. Zudem habe ich mir vorgenommen, nach Fertigstellung aller begonnenen Rezensionen auch noch einen kleinen Abschlussbericht zur Aktion, die bei den meisten schon wieder in Vergessenheit geraten ist, zu schreiben. Mal sehen, ob ich das noch dieses Jahr abschließen kann, drückt mir die Daumen!

Worum geht’s?

Eine Lebensgeschichte die so oder ähnlich nicht einzigartig ist und deshalb die Identifikation mit eigenen Erfahrungen zulässt. Eine komplizierte Kindheit mit traumatischen Erlebnissen und der höchst menschliche Versuch damit umzugehen, ohne wirklich damit abzuschließen und letztlich doch wieder am Anfang anzukommen, wo alles begann. Ruth Cerha beschreibt mit ihrer Geschichte der jungen Anna die Flucht in die Ferne, die Suche nach dem Gefühl zu Hause und gefestigt zu sein und die Erkenntnis, dass dies nicht möglich ist, ohne sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, da sie einen letztlich immer wieder einholt.

Anna wuchs in Wien auf, mit einem in Lethargie verfallenen Tunichtgut als Vater, einer Mutter die sich mit allen Entwicklungen in ihrem Leben abgefunden hat anstatt aufzubegehren und ihrem Bruder Franjo, der im Alter von 17 Jahren unerwartet aus Annas Leben verschwandt. Jeder geht mit so einem Trauma, dem der Kindheit und dem des Verlusts, anders um. Anna flüchtet in die Ferne, distanziert sich von ihren Eltern.

»Das Zählen war mir schon immer ein Gräuel. Wie viele Liebhaber, Stunden, Tage, Geld auf dem Konto, Schuhe im Regal, Gedanken in meinem Kopf? Eines der Dinge, vor denen ich Reißaus genommen habe, sinnlos, denn das Zählen ist uns offenbar angeboren, eine Art Erbsünde. In Amsterdam habe ich mal einen Typen getroffen, der sich alle Fragen aufschrieb, die an ihn gerichtet wurden und auf die er keine Antwort wusste. Er meinte, in die Hölle zu kommen, wenn er sie nicht alle beantwortete, bevor er starb. Die Hölle ist individuell.«
– S. 15 –

Rezension

Der Schreibstil mag genau so gewollt sein, erschwert das Lesen aber erheblich. Die Dialoge beginnen oft mit einem englischen Satz, viele Aussagen sind ohne Anführungszeichen in der Geschichte verwoben und die chaotischen Gedanken der Protagonistin runden diesen Cocktail noch ab. In der Mitte, als der Sog des Buches mich in vollen Zügen erreicht hat, ich die Empfindungen voll und ganz aufgenommen hatte, ergaben sich auch einige Längen. Ich hätte mir die Rückkehr zum Anfang, dass sich der Kreis etwas früher schließt, gewünscht. An dieser Stelle heißt es dann durchhalten, nicht die Motivation verlieren, das Buch am besten nicht weglegen, da es sonst möglicherweise auch unbeendet bleibt, und das wäre schade, weil dem Leser dann die Lehre des Buches verborgen bliebe. Auch sonst liest sich das Buch etwas holprig, nicht rund, nicht ausbalanciert sondern ungeschliffen. Auch damit muss man als Leser zurechtkommen. Man muss einfach in Stimmung für so ein Buch sein.

»Die Einsamkeit ist ein Geruch. Menschen strömen ihn aus, Orte, Landschaften, Häuser, ein grauer Geruch, wie Staub oder Spinnweben. Ob mein Vater einsam ist? Ich weiß es nicht. Ob ich einsam bin? Ist gewollte Einsamkeit überhaupt Einsamkeit, kann man einsam sein wollen?«
– S. 225 –

Der Verlag schreibt dazu „Marjana gelingt es, Anna aus ihrer Lethargie aufzuscheuchen. Sie bringt Anna dazu, sich ihrer Sehnsucht nach Paul und seinen Bildern bewusst zu werden. Schließlich machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach ihm.“ – Anna entdeckt die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, akzeptiert Paul als Auslöser für den erneuten Kontakt zu ihrer Familie und beginnt mit der Verarbeitung des Verschwinden ihres Bruders. Weiter schreibt der Verlag „‚Reisen bedeutet auch Zurückkehren, und man weiß nie, wohin‘, sagt Anna und so entwickelt sich die Geschichte zu einem Roadmovie von Kairo nach New York, Prag, Berlin, Husum und schließlich zurück nach Wien.“

Fazit

Wie bereits in der Einleitung beschrieben, handelt es sich bei „Kopf aus den Wolken“ mit Sicherheit um kein einfaches Buch, weder die Thematik noch der Schreibstill erleichtern einem den Zugang. Nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, war ich sogar unzufrieden. Und doch, nach einiger Reifezeit, kann und will ich das Buch nicht verreißen. Man muss bereit sein für seine Komplexität, dann eröffnet es einem die Möglichkeit auf die eigene Vergangenheit und die Gegenwart zurückzublicken. Der Roman zeigt, dass man sich den Herausforderungen – gleich, wie groß oder alt – stellen muss, da sie einen sonst niemals loslassen. Die Erkenntnis dazu kommt bereits nach den ersten Seiten, nach denen man entscheiden kann, ob man bereit ist weiterzulesen.

Lesung auf zehnSeiten

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Bücherwurmloch und Clee’s Bücherwelt.

Von mir gibt's

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.