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Rezension | »Flavia de Luce - Mord im Gurkenbeet« von

Im Wandschrank war es so dunkel, und die Dunkelheit hatte die Farbe von altem Blut.

Bradley, Alan - Flavia de Luce - Mord im Gurkenbeet

Nachdem der mit »Verwesung« begonnene Stil der »Mixtape Rezension« großen Anklang fand, habe ich mich beim ersten Band über die liebenswerte Flavia de Luce mit dem schrägen Titel »Mord im Gurkenbeet«  dazu entschlossen, den Stil fortzuführen. Da das Buch im letzten Jahr als Taschenbuch herauskam und vielfach besprochen wurde, ist es meines Erachtens nicht notwendig, dass ich nun erneut die überschaubare, aber dennoch äußert unterhaltsame Geschichte in epischer Länge und Breite wiedergebe.
Das Debüt vom kanadischen Autor Alan Bradley richtet sich vor allem an Kinder, ist aber keineswegs banal oder kindisch und damit ebenso gut für Erwachsene geeignet. Eine Einschätzung, die für meine Verhältnisse besonders positiv ausfällt, da ich nicht zu denen gehöre, die regelmäßig Kinder- und Jugendliteratur lesen – eher im Gegenteil.

Worum geht’s?

England in den 1950er Jahren, als King George noch auf dem Thron saß. Seine treueste Untertanin Flavia de Luce, von einem uralten Adelsgeschlecht abstammend, lebt mir ihrem Vater und ihren zwei Schwestern Ophelia und Daphne auf dem Gutshof »Buckshaw«. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, normale Mädchen ihres Alters, interessiert sich die elfjährige Flavia für Chemie und verbringt den Großteil ihrer Zeit in ihrem eigenen Chemielabor, das ursprünglich ihrem Onkel Tar de Luce gehörte, wo sie sich mit größter Vorliebe den Giften zuwendet.

Rezension

Das Buch beginnt mit dem Satz »Im Wandschrank war es so dunkel, und die Dunkelheit hatte die Farbe von altem Blut.« und offenbart damit bereits den Stil der darauf folgenden Geschichte und die Skurrilität ihrer erst 11-jährigen Hauptperson. Ada Mitsou beschreibt im ersten Satz ihrer Rezension auf treffende Art und Weise den Grund für die Einzigartigkeit der Protagonistin und die Lebenssituation, in der sie aufwächst: »Flavia de Luces Leben gleicht nicht unbedingt dem anderer Kinder. Die Elfjährige wohnt in einem großen englischen Herrenhaus und hat ein eigenes, großartig ausgestattetes Chemielabor, dafür aber keine Freunde. Ihre Mutter Harriet kam beim Bergsteigen in Tibet ums Leben, ihr Vater verkriecht sich mit seinen Briefmarken im Arbeitszimmer und mit ihren Schwestern Ophelia und Daphne gibt es immer nur Streit.« So verwundert es kaum, dass Flavia sich Hals über Kopf in die Ermittlungen stürzt, wenn schon mal etwas auf Buckshaw passiert und es letztlich auch niemanden interessiert, womit sie ihren Tag so verbringt.

»Ich hab im Gurkenbeet eine Leiche gefunden«, verkündete ich. »Das sieht dir mal wieder ähnlich.” Ophelia zupfte sich ungerührt weiter die Augenbrauen.«
– Seite 43 –

Der Aussage von Katja in ihrem Blog Zwischen den Seiten »Zu Beginn hatte ich ehrlich gesagt ein paar Schwierigkeiten, mich in die Geschichte hineinzufinden. Flavia ist als kleine, elfjährige Giftmischerin zwar sofort sympathisch, doch die Geschichte hat mich nicht gleich fesseln bzw. begeistern können.« möchte ich noch hinzufügen, dass das Buch als eher untypischer Kriminalroman eben nicht wirklich fesselnd, sondern mit seiner Art eher das Leserherz umschmeichelt und einen deswegen dazu bringt, weiterzulesen und es nur selten wegzulegen. Meiner Meinung nach hält sich diese Eigenschaft auch bis zum Schluss, aber vielleicht will Alan Bradley auch gar nicht fesseln, sondernd eher spannend unterhalten. Wem der Einstieg dennoch schwer fällt, liegt möglicherweise eher das Hörbuch, denn der Klappentexterin ging es ähnlich, sie schreibt »Mir fehlte etwas. Was, wusste ich bis dahin nicht, heute liegt die Antwort wispernd neben mir. Ach, was heißt leise. Sie schreit geradezu. Jetzt, wo mir Andrea Sawatzki die Kriminalgeschichte vorgelesen hat, finde ich mich in einem Strudel wahrer Begeisterung wieder. Es war die Stimme, genau die Stimme, die in das Puzzle gehörte.« – vielen Dank liebe Klappentexterin, denn obwohl ich das Buch gelesen habe, werde ich mir vielleicht nach dem zweiten Band, während des Wartens auf den dritten, das Hörbuch schnappen und tief eintauchen, dank deiner Rezension.

Wenn ich etwas gründlich verabscheue, dann ist es die Anrede »mein Liebes«. Wenn ich einmal mein Opus Magnum mit dem Titel »Eine Abhandlung über sämtliche Gifte« schreibe und bei »Zyankali« ankomme, vermerke ich unter »Anwendung« garantiert: Besonders wirksam bei der Behandlung all derjenigen, die einen »mein Liebes« nennen.
– S. 71 –

Sabine beschreibt den besonderen Reiz der Geschichte unter anderem mit den Worten »Neben der großartigen Hauptdarstellerin bekommt diese Kriminalgeschichte einen besonderen Reiz durch den Schauplatz, der während der Nachkriegszeit im idyllischen britischen Dörfchen ‘Bishop’s Lacey’ angesiedelt ist, in dessen Nähe das Anwesen der de Luces liegt. Dadurch fühlt man sich in die Zeit der alten englischen Krimis zurückversetzt.« – dem kann ich mich nur anschließen, denn man denkt unwillkürlich an alte, englische Krimis, an Agatha Christie und ihre Miss Marple und fühlt sich wohl damit.

Bibliophilin nun, schließt ihre Rezension mit den Worten »Viele Fachausdrücke und detaillierte Beschreibungen dürften junge Leser überfordern oder vielleicht sogar langweilen. In meiner Buchhandlung findet man das deutsche Buch in der Jugendbuch-Abteilung, das Englische dafür bei English Crime, was ich passender finde.« ab. Ich glaube aber, dass mich das Buch als Junge durchaus interessiert hätte, da ich mit den ansonsten typischen Jugendbüchern über Abenteuer wenig anfangen konnte. Meine liebste Lektüre war lange Zeit jede Art von Lexika, somit wären solche Giftmischergeschichten vermutlich sehr wohl was für mich gewesen. Zudem vermengt der Autor das ganze noch mit einer gehörigen Portion – man möge mir den Ausdruck verzeihen – »Klugscheißerei« der ich als Kind mit größter Leidenschaft frönte (ich musste ja mein ganzen Wissen aus den Lexika irgendwie anbringen). Die elfjährige Helding, Hobbychemikerin und Freizeitermittlerin Flavia de Luce mit ihren Kommentaren und Gedanken präsentiert sich nun als begnadete Klugscheißerin, was sie aber umso entzückender wirken lässt.

Erwähnte Bücher

Folgende Bücher wurden in der Geschichte von Daphne gelesen oder vorgelesen: Die Burg von Otranto. Eine gotische Geschichte  von Horace Walpole, Nicholas Nickleby von Charles Dickes, Der goldene Zweig: Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker von James George Frazer, Scaramouche. Roman der Französischen Revolution von Rafael Sabatini, Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson, Die Geschichte zweier Städte von Charles Dickens. Flavia erwähnt neben einigen offenbar fiktiven Büchern, sowie naturwissenschaftlichen Werken auch Die Grube und das Pendel von E.A. Poe.

Fazit

Eine richtig schöne Geschichte für Jung und Junggebliebene mit einigen Parallelen zu »Miss Marple« oder der Fernsehserie »Mord ist ihr Hobby«. Ich habe Bd. 1 nun auch endlich gelesen, nachdem ich ja im letzten Jahr schon so viel Gutes gehört und gelesen habe. Ja, auch ich finde das Buch grandios, auch wenn es eigentlich nicht unbedingt mein Genre ist, aber die Figur der Flavia de Luce ist einfach zu liebenswert, zu witzig, zu schwartzhumorig als dass man sie nicht gut leiden könnte. Einzig einige kleinere Längen von Beschreibungen der englischen Landschaft oder Orte und Wege die Flavia aufsucht, hätten für meinen Geschmack ein klitzekleines bisschen knapper gehalten sein können – ich gebe aber zu, dass das Geschmacksache ist. Wenn ich einen Kamin zur Hand gehabt hätte, wäre ich sicherlich dem Rat von Ada Mitsou gefolgt, die ihre Rezension mit dem Satz abschloss »Ein Roman, der an dunklen Abenden gemütlich vor dem Kamin gelesen werden will!« – Also an all diejenigen, die einen Kamin haben, anmachen und lesen!

Die spannend-leichte Unterhaltung und Freude, sowie der Titel von Bd. 2 Mord ist kein Kinderspiel ließen mich nur wenige Tage warten, um fast nahtlos weiterzumachen. So viel sei verraten: Ich bin durchaus angetan und zuversichtlich, dass Flavia auch den nächsten Fall in gewohnter Souveränität lösen wird. Im übrigens ist für den Herbst bereits Bd. 3 angekündigt, mit dem wunderbaren Titel Halunken, Tod und Teufel.

Im Übrigen finde ich das Cover der englischen Ausgabe ebenfalls gelungen, halte die Gestaltung der deutschen Ausgabe aber für neugierig machender. Wenn ich es richtig einschätze, schaffte es Penhaligon damit auch sozusagen Genre prägend zu sein, denn viele ähnliche Cover folgten.

Buchtrailer

Der Buchtrailer zeigt eindrücklich eine große Stärke des Buches, das Cover. Es wird hier ein wenig animiert und in Szene gesetzt ohne wirklich Lust auf die Geschichte zu machen um wirklich »Trailer« genannt werden zu können, schade. Viel besser macht es da der Aufbau Verlag für Nächsten Sommer von Edgar Rai.

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei BibliophilinAda Mitsou liest…, Klappentexterin, Zwischen den Seiten und Sabine.

Von mir gibt's

Kommentare

  1. Diese Art von Rezension ist wirklich klasse, noch vor wenigen Minuten konnte ich mir nichts unter dem Begriff ‚Mix-Tape-Rezension‘ vorstellen jetzt bin ich begeistert.
    Was das Buch angeht kann ich dir nur zustimmen und bin schon sehr auf deine Meinung zu Band 2 gespannt.
    Liebe Grüße

    • Vielen Dank für deine freundlichen Worte, ich werde sehen, das ich heute die Rezension zu Bd. 2 fertigstellen werden. Mal sehen, ob es wieder eine Mixtape-Rezension wird oder eine klassische – aber irgendwie hab‘ ich Spaß an den Mixtapes gefunden 🙂

  2. Eine wirklich schöne und durchdachte Rezension. Ich habe mir das Buch als Hörbuch zugelegt, aber irgendwann abgebrochen (ich lese einfach lieber als Bücher zu hören). Hörbücher sprechen mich generell immer weniger an, aber auch so fand ich die Geschichte ein wenig „lahm“. Nicht, dass sie schlecht gemacht wäre, aber Flavia spricht mich als Figur irgendwie einfach nicht an. Da fand ich die Schafe von Glennkill besser, aber von jugendlichen Ermittlern habe ich in meiner Jugend genug gelesen 😉

    • Ich glaube, ich weiß gut was du meinst. Ich habe lange an der Rezension gefeilt, um genau das auszudrücken, dass die Geschichte nicht mitreißt, nicht gefangen nimmt, aber (zumindest als Buch gelesen) irgendwie neugierig macht, auf das, was noch geschehen wird. Das mit den Hörbüchern kann ich ebenso gut nachvollziehen, wenn ein Hörbuch gut gemacht ist – so erging es mir mit Daniel Glattauer Gut gegen Nordwind und Alle sieben Wellen – bin ich begeistert und möchte nicht mehr aufhören, so habe ich diese beiden Hörbücher auch förmlich aufgesogen. Ein normales Hörbuch oder gar ein schlecht gesprochenes oder auch ein zu langes, schaffe ich einfach nicht. Ich bin mir aber auch sicher, dass es eben Geschichten gibt, die sich gesprochen einfach anbieten, so wie Glattauer, und andere eben weniger. Bei Thrillern habe ich beispielsweise so meine Schwierigkeiten. Gut gegen Nordwind habe ich übrigens erwähnt, weil es u.a. ebenfalls von Andrea Sawatzki gelesen wird. Interessant, dass du Glenkill gut fandest, denn mich hat das Buch so gar nicht umgehauen, ich habe es abgebrochen. Nata hat es ebenfalls abgebrochen, wenn ich mich recht erinnere, es dann aber als Hörbuch durchgehört – da gefiel es ihr gut. So kann’s gehen 🙂

      • Erstmal vorab, ich stimme euch beiden voll und ganz zu! Jedoch hat Konstantin das mit Glenkill falsch in Erinnerung, da ich die Geschichte durchaus gut fand und das Buch auch bis zum Ende durchgelesen habe! Jedoch den zweiten Teil Garou dann in der Tat als Hörbuch genossen habe und es mit Abstand besser fand den Schreibstil der Autoren zu hören, als zu lesen. 😉

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