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Rezension | »Erbarmen« von

Perfide Rache, vollkommen unerwartet

Adler-Olsen, Jussi - Erbarmen

Ich leite eine Rezension eines Thrillers gern damit ein, dass ich dieses Genre erst im vergangenen Jahr mit der Entdeckung von Simon Beckett und seinen Geschichten um den forensischen Anthropologen David Hunter für mich entdeckt habe. In den Jahren zuvor war sicherlich auch mal einen Grisham oder Mankell dabei, im Großen und Ganzen, habe ich mich aber auf Romane konzentriert, die einen Blick auf die Gesellschaft ihrer Zeit offenbaren, sich mit dem Leben auseinandersetzen und zum Nachdenken anregen. Um so schöner ist es, den Thriller entdeckt zu haben, der eine willkommene Abwechslung bietet und letztlich dazu führte, dass ich seitdem noch mehr Lust auf’s Lesen habe.

Vor einigen Tagen habe ich nun den zweiten Band um Carl Mørck, den Leiter und genau genommen einzigen Ermittler des Sonderdezernats Q der Kopenhagener Polizei, des dänischen Autors Jussi Adler-Olsen beendet. Ihm zur Seite steht der eigentlich nur als Bürohilfe angestellte Syrer und Muslim Hafez el-Assad, der einerseits voller Elan ist und als treibende Kraft agiert, andererseits aber auch die größte Nervensäge sein kann. Im zweiten Band kommt Rose dazu, die ungewollte und zwangsversetzte Sekretärin, die mindestens ebenso speziell wie ihre beiden Kollegen ist.

Worum geht’s?

»Erbarmen« beginnt nach dem Prolog mit der Vorstellung der Charaktere – einer Notwendigkeit, da es sich doch um den ersten von bisher drei erschienenen Bänden handelt. Damit verbunden ist auch die zwar nicht zwingende, aber doch vorhandene, Notwendigkeit mit dem ersten Band einzusteigen. Der Autor spinnt zwei zeitlich versetzte Erzählstränge, um die Vergangenheit mit den aktuellen Geschehnissen und Ermittlungen zu verknüpfen. Die zentrale Frage, die schnell aufkommt, ist die nach dem Warum. Warum verschwand die junge Politikerin Merete Lynggaard? Das ist auch die Frage, die ihr im Laufe des Buches immer wieder gestellt wird. Es ist dieselbe Frage, die sich auch Carl Mørck stellt und deswegen den bereits zu den Akten gelegten Fall erneut aufrollt.

»Dieses graue Licht war immerzu da, Tag und Nacht. […] Nun brauchte sie nicht mehr die Augen schließen, um sich konzentrieren zu können. Sie ließ das Gehirn selbst bestimmen, in welchem Gemütszustand es sein wollte. Und dieses graue Licht barg alle Schattierungen in sich. Fast wie in der Welt da draußen, wo sich die Tage unterschieden. Winterhell. Februardunkel. Novembergrau. Regnerischster. Himmelblau.«
– S.151, Erbarmen –

Parallel zu der Ermittlungsarbeit beschreibt der Autor auch die Persönlichkeit seines Ermittlers, der natürlich wieder ein Eigenbrötler ist, ein verschlossener, oft aneckender Polizist mittleren Alters – ähnlich Mankells Wallanders – aber es passt und sogar gut. Er erzählt vom Freund und Kollegen, der bei einem gescheiterten Einsatz schwer verletzt wurde und verliert auch im nächsten Band diese Faden nicht, sondern nimmt ihn erneut auf. Unterhaltsam ist sowohl der irgendwie liebenswerte Zynismus, als auch die feine Ironie Mørcks, die ihn zu seinen trockenen Äußerungen führt. Ein beliebtes Thema ist die über allem schwebende Polizeireform und der Umgang mit ihm und seinem Sonderdezernat.

»Alles wirkte deprimierend effektiv.«
– S. 14, Schändung –

Die Frage nach dem Warum wird natürlich beantwortet und mag dem ein oder anderen Leser frühzeitig klar gewesen sein. Mich hat sich dennoch ein stückweit überrascht und zeigt auf beklemmende Weise, zu welchen Handlungen der Mensch fähig ist. Diejenigen, die nun sagen, dass das zu konstruiert wäre, richten entweder einen erblindenden Blick auf die Gesellschaft oder sind dermaßen naiv, dass sie das, was sie sehen, nicht wahrhaben wollen.

Die Haptik

Da ich viele Bücher lese, die schon ihre Zeit auf dem Buckel haben, stehen in meinem Regal vorrangig gebundene Bücher. Da es die Bücher des Autoren nicht in gebundener Fassung gibt, habe ich mich für die etwas höherwertige Ausgabe der Broschur entschieden. Die Covergestaltung der Reihe finde ich für einen Thriller recht hübsch anzusehen, der Satz ist soweit gut und lesbar mit ausreichend Steg und Zeilenabstand. Was ich allerdings wirklich ärgerlich fand, ist der viel zu knapp geratene Bundsteg. Um das Buch halbwegs vernünftig lesen zu können, muss man es kräftig aufschlagen und erhält dann natürlich hässliche Knicke auf dem Rücken, ein bitterer Beigeschmack. Ein Übel, das bei einer Broschur mit 458 Seiten wohl auch nicht zu vermeiden ist. Hingegen beim ebenfalls großartigen »Reise im Mondlicht« von Antal Szerb, das ich ebenfalls als dtv premium Ausgabe besitze, das allerdings nur beschauliche 260 Seiten hat, konnte ich das Buch zum Glück ohne jeden Knick ins Bücherregal zurückstellen.

Fazit

In »Erbarmen« geht es um mehr oder minder längst Vergangenes, so wie es zuvor auch schon Fernsehserien wie »Cold Case« oder »Without A Trace« oder andere Autoren taten. Jussi Adler-Olsen schuf aber nicht einfach nur einen spannenden, unterhaltsam geschriebenen Thriller, sondern verpackt das Ganze in eine sehr gut erzählte Geschichte, die sich in die Abgründe der menschlichen Psyche vorwagt. Mit diesem Auftakt ist dem Autor ein unterhaltsamer, spannender, sprachlich lockerer und gut erzählter, witziger, aber eben nicht wahnsinnig neuer und innovativer Thriller gelungen.
Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Lese-Leuchtturm, das Hörbuch bei wahrheiten.

 

Von mir gibt's

Kommentare

  1. Ich habe Krimis und Thriller auch erst vor ein bis zwei Jahren für mich entdeckt und bin mittlerweile sogar ein Fan dieses Genres. Warum ich sie früher nicht gelesen habe, kann ich gar nicht genau sagen, denn eigentlich habe ich auch immer gerne Filme dieser Kategorie geschaut.
    Das Schöne daran ist, dass man alle Krimis neu entdecken kann, weil man mit diesem Genre noch nicht so vertraut ist und dadurch auch noch nicht alles vorhersehbar findet. Mit der Zeit kommt natürlich die Routine und originelle Handlungsverläufe begegnen einem seltener. Doch das stört mich nicht, denn für meinen Geschmack muss nicht alles neu und innovativ sein, sondern einfach nur überzeugend und gut geschrieben.
    Trotzdem merke ich, dass mein Anspruch an Krimis und Thriller niedriger ist als z.B. an zeitgenössische Romane. Ich finde gesellschaftskritische Krimis gut (ein interessanter Aspekt in deiner Besprechung), möchte von dieser Richtung aber vorrangig spannend unterhalten werden. Leichtere Kost, die sich schnell und aufregend liest.

    Deine Rezension finde ich übrigens gelungen, nur das Problem mit dem Bundsteg (die Bezeichnung kannte ich noch gar nicht) hatte ich nicht. Vielleicht bin ich es aber auch so gewohnt, meine Bücher „vorsichtig“ zu lesen, dass ich diese Feinheiten schon gar nicht mehr bemerke.

    • Ich habe Krimis und Thriller auch erst vor ein bis zwei Jahren für mich entdeckt und bin mittlerweile sogar ein Fan dieses Genres. Warum ich sie früher nicht gelesen habe, kann ich gar nicht genau sagen, denn eigentlich habe ich auch immer gerne Filme dieser Kategorie geschaut.

      Du sprichst mir aus der Seele … genau so geht es mir auch.

      Auch dem Rest kann ich – nicht zum ersten Mal – zustimmen. Gerade bei meinen letzten beiden Krimi- bzw. Thrillerautoren habe ich im Nachgang oft Meinungen gelesen wie »Ich wusste nach X Seiten wer es war, warum und überhaupt« und dachte mir so, mir ging es nicht so und ich fand‘ es spannend und selbst wenn, ist das Buch gut geschrieben und hat mich gut unterhalten. Schön, in dir jemanden zu haben der ähnlich an dieses Genre herangeht. Zum Aspekt der Gesellschaftskritik im Krimi möchte ich sagen, das dieser bei Schändung sicherlich nur unterschwellig daherkommt, aber mich eben doch gereizt hat und dem Buch eben ein gewisses »Mehr« gab im Vergleich zum Gros des Genres, die einfach »nur« unterhalten oder Spannung aufbauen. Ich denke das dieser Einfluss auch ein Stück Ernsthaftigkeit in das Genre bringt, aber stimmte dir trotz allem zu, das so ein Krimi oder Thriller unterhalten soll. Wie ich ja einleitend schrieb, führt dieser Unterhaltungswert bei mir dazu, eher noch mehr zu lesen…

    • Jetzt habe ich den Bundsteg vergessen, ich lese und las in der Vergangenheit vielfach gebundene Bücher, in denen dieses Problematik in aller Regel gar nicht auftritt. Dicke Taschenbücher oder Broschuren hatte ich bisher (fast) gar nicht, daher ist mir das hier besonders aufgefallen. Ansonsten hängt es eben davon ab, wie breit der Steg ist, wie dick das Buch ist, wie es gebunden wurde … eben deshalb habe ich es hervorgehoben, weil es mich wirklich störte und ich nun bei Erbarmen und Schändung zwei Kniffe im Rücken habe, obwohl ich wirklich vorsichtig gelesen habe…

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