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Rezension | »Das war ich nicht« von

Eine gelungene Mischung aus Wirtschaftskrimi, Komödie und skurriler Alltagsgeschichte

Magnusson, Kristof - Das war ich nicht

Manchmal passiert es, dass man zu Büchern kommt, diese dann im Regal vergisst und erst lange Zeit später wieder darauf stößt. So geschah es mir auch mit diesem Buch. Erst als eine Freundin es bei uns entdeckte und es lobte und mich vor allem darüber aufklärte, dass es sich keinesfalls um einen Krimi handele, geriet es wieder in meinen Fokus. Ich kann mir bis heute nicht wirklich erklären, warum ich immer überzeugt war, es handele sich bei diesem Buch um einen skandinavischen Krimi. Nun lasse ich mich gern im Meer der Bücher treiben, ohne dieses oder jenes Buch gerade in diesem Moment unbedingt lesen zu müssen. Es ist für mich ein Weg, Freude am Lesen zu haben ohne mich durch ein Buch zu quälen. Zudem schwebe ich gern durch die Wellen aus Autoren und Verlagen, Geschichten und Empfehlungen – und so kann es passieren, dass ich einen Verlag entdecke oder auch wiederentdecke.

Nach der Lektüre von ‚Damals, am Meer‘ von Marco Balzano stellte ich dann fest, dass dieses leise Stück Literatur aus demselben Verlag kommt, wie das vor einigen Monaten gelesene – und leider noch immer nicht von mir rezensierte – Debüt von Hanna Lemke mit dem Titel ‚Gesichertes‘. Beide Werke nehmen sich die gleiche Generation vor, beide beleuchten – sicherlich auf unterschiedliche Art und Weise – unsere Gegenwart und regen zum Nachdenken an. Ersteres spielt in Italien, Letzteres in Deutschland. Von hier an war mein Weg nur noch kurz, um festzustellen, dass das von meiner Freundin so gelobte Buch im gleichen Verlag erschienen ist. So kam es, dass ich ‚Ich war das nicht‘ von Kristof Magnusson zur Hand nahm und mir noch während des Lesens den Vorgänger und das Debüt des Autors ‚Zuhause‘ bestellte.

Worum geht’s?

„Arthur hatte mich gefragt, ob ich eher eine Waschmaschine kaufen würde, die man von oben befüllte, oder eine, die die Luke ganz normal vorne hatte, einen ‚klassischen Frontlader‘, wie es der Verkäufer ausdrückte, der sich in unser Gespräch einklinkte und uns natürlich für ein Paar hielt. Na gut, hatte ich gedacht, wenn es den Karstadtmitarbeiter überzeugt … Damit war Schritt eins gemacht. Es folgten Schritt zwei: gemeinsame Pärchenfreunde, Schritt drei: zusammenziehen und Schritt vier: über Kinder nachdenken. Dann tat ich Schritt fünf und zog aus.“
– S. 17

Im ständigen Wechsel erzählt Kristof Magnusson von Jasper, einem jungen Investment-Banker in Chicago, der eigentlich aus einem kleinen Kaff in Deutschland kommt und mit seinen waghalsigen Spekulationen die Finanzkrise auslöst; vom amerikanischen Schriftsteller Henry LaMark, der kurz davor steht seinen zweiten Pulitzer-Preis verliehen zu bekommen und sein von ihm selbst angekündigtes Opus Magnum nicht liefern kann und von Meike, die gerade aus dem Hamburger Schanzenviertel in die nordfriesische Pampa geflohen ist und mit der Übersetzung des neusten Romans von Henry LaMarck ihre finanzielle Situation retten wollte. Alle drei Geschichten werden durch den roten Faden der Finanzwelt verbunden, in die Magnusson hier eintaucht, sie dem weniger versierten Leser verständlich macht. Dabei verliert er trotzallem nicht den Blick des Beobachters und Autors, die Details der einzelnen Lebensgeschichten, und behält die emotionale Sichtweise. Auf die Frage hin, wie er nun gerade zu diesem Thema kam, antwortet Magnusson in einem Interview der FAZ:

‚Ich stand auch schon mal in einer Bankfiliale, vor mir eine 75 Jahre alte Rentnerin und ein Berater, der ihr Zertifikate aufschwätzte‘, berichtet er. Er habe bewusst in diese ihm fremde Finanzwelt eintauchen wollen. Zur Vorbereitung habe er viel gelesen, über die Fehlspekulationen des Société-Générale-Händlers Jérôme Kerviel zum Beispiel, und über Nick Leeson, der die Barings Bank in den Ruin trieb.

Rezension

»Natürlich bist du alt. Du bist fast so alt wie ich, und ich bin auch alt.« […]
»Was soll ich denn in London?«
»Dann wären wir Nachbarn. Besuchen uns. Machen Chairty zusammen. Einen Kamin hat die Wohnung auch.«
»Ich könnte es mir ja mal ansehen. Ob ich da schreiben kann.«
»Henry […] Du wirst nicht mehr schreiben. Müssen denn alle Künstler arbeiten bis zum Umfallen? Auch wir haben ein Recht auf Rente.«
»Rente? Ich?«
»Du bist doch alt. Hast du selbst gesagt. Das ist die Kunst. Sich mit dem Alter abzufinden, bevor es zuschlägt.«
– S. 212 – Elton John zu Henry LaMarck –

Der stetige Wechsel der Perspektive macht die Erzählung extrem rasant, sodass zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt. Die niemals zu langen Kapitel lassen einen den vorherigen Protagonisten nicht vergessen und geben ganz am Rande die Möglichkeit, den Roman als kurzweilige Unterhaltung in der Bahn zu lesen ohne den Faden zu verlieren. Man hat förmlich das Gefühl, allen drei Charakteren zeitgleich zuzuschauen und mittendrin zu sein. Man ist wie Meike auf der Suche nach sich selbst, denkt wie Henry über das Alter und das berufliche Ende nach und  zieht Parallelen zum waghalsigen Handeln von Jasper, den Entwicklungen im Leben die sich irgendwie verselbständigen.

Der Autor erzählt uns von Zufällen die teils so skurril sind, dass sie das Leben durchaus schreiben könnte und hält dabei die Spannung wie in einem guten Krimi, sodass ich unbedingt zum Ende vordringen wollte, um zu wissen, wie all das endet. Aber irgendwie geht es auch gar nicht darum, sondern ähnlich wie beim anfangs erwähnten Debüt von Marco Balzano um den Weg, den die drei Protagonisten gehen, ihre Erkenntnisse und auch ein bisschen darum, dass alles was man tut, Konsequenzen hat. Einige denken darüber nach, andere nicht – entscheiden muss das letzten Endes jeder für sich selbst, Tag für Tag.

Fazit

Der zweite Roman von Kristof Magnusson ist eine gelungene Mischung aus Wirtschaftskrimi – ich lag also mit meinem Trugbild doch nicht so falsch – Komödie und skurriler Alltagsgeschichte. Da aber das Leben oftmals die unglaublichsten Geschichten schreibt, bleiben die verwobenen Geschichten dennoch authentisch und in höchstem Maße glaubwürdig. Mir bleibt nicht viel mehr zu sagen: Lest unbedingt dieses Buch!

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Die Bücherwelten der Anke P., Leselupe und Karthause’s Welt….

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