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Rezension | »Damals, am Meer« von

Eine Reise in die Vergangenheit und eine ganz besondere Geschichte

Balzano, Marco - Damals, am Meer

Ich weiß gar nicht mehr genau, auf welchem Wege dieses Buch auf meinen Wunschzettel fand. In jedem Fall war es eine von den Neuerscheinungen, die mein Interesse weckte und nicht in Vergessenheit geraten sollte. Ich konnte nicht ahnen, das ein Dialog auf Twitter dazu führen würde, dass uns der Verlag Antje Kunstmann ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellen würde. Als uns dann, kurz vor dem Erscheinungstermin, die Buchsendung erreichte, trennte mich nur noch die Aktion »Rezensionen für Eichborn« vom Debüt des Italieners Marco Balzano. Eine durchaus erträgliche Bürde, da die von mir gelesenen Bücher aus dem Hause Eichborn mich ebenso begeisterten, wie das Debüt von Marco Balzano.

Worum geht’s?

»Zu Hause ist man da, wo die Menschen wohnen, mit denen man sein Leben verbracht hat, und jetzt ist das hier.« Er kehrte mir den Rücken zu und stieg aufs Rad. »Selbstverständlich ist es besser, wenn du dein Leben da verbringen kannst, wo du geboren und aufgewachsen bist … Wenn du nicht weggehen musst.«
– S. 27 –

Der italienische Autor Marco Balzano nimmt uns in seinem Debüt mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Er erzählt uns auf unterhaltsame und doch ernste Weise von der Familie Russo und dem komplizierten Verhältnis zwischen Großvater Leonardo, seinem Sohn Riccardo und dem Enkel Nicola. Gleichzeitig ist diese Reise zu den Wurzeln der Familie, dessen Sinnbild die Wohnung im Süden darstellt, ein Blick auf die Entwicklung Italiens anhand der unterschiedlichen Biographien ihrer Protagonisten. Dabei fällt sein Blick besonders auf den Verlust der eigenen Identität und dem Heimatgefühl. Die einfache, mitnichten platte Geschichte dieser Reise erzählt Balzano leichtfüßig und intensiv, einfühlsam und lebendig, sodass uns das Mitfühlen leicht fällt und das eigene Denken anregt.

»Denkst du manchmal an Gott, Papa?«
»Mit der Zeit immer mehr. Aber ich weiß nicht, ob ich, wenn ich an Gott denke, nicht eigentlich an Hoffnungen denke. Wenn man betet, hofft man vielleicht einfach und Schluss.« Er drehte den Kopf hin und her auf der Suche nach weiteren Sternen. »Und du?«
– S. 79 –

Rezension

Es geht um Entwurzelung und der Suche nach einem zu Hause. Es geht um drei Generationen im Wandel, skizziert an der sprachlichen Entwicklung vom Dialekt hin zum Hochitalienisch, an der beruflichen Evolution vom Bauern und Analphabeten zum Kopfarbeiter und Akademiker. Die Differenzen, die sich aus diesem Wandel ergeben werden vom Autor in und ebenso zwischen den Zeilen beschrieben. Sie sind der Kleber, zwischen den Geschichten von Großvater Riccardo und dem Gefühl von Entfremdung und Verwirrung, dass der Erzähler Nicola uns vermittelt., denn Nicola kann sich als Einziger der drei kaum noch an die alte Heimat erinnern.

Das Portrait dieser drei sehr unterschiedlichen und doch ähnlichen Männer beginnt bereits mit dem Aufbruch nach Barletta in Apulien. Es beginnt mit den Streitereien und damit, dass sie sich letztlich doch aufraffen gemeinsam loszufahren. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass sie im Herzen froh darüber sind, ohne zu ahnen, wie sehr ihnen die gemeinsame Erfahrung hilft, mit der Vergangenheit abzuschließen. In Barletta angekommen wird zunächst die Wohnung besichtigt, die sich, wie erwartet, in einem maroden Zustand befindet und doch in jedem der drei Erinnerungen weckt, Erinnerungen an eine frühere Zeit, in der alles besser war. Scharfsinnig beobachtete Eigenheiten, italienisches Temperament und männliche Kränkung werden von Balzano auf angenehme Weise, pointiert beschrieben. Viele Situationen und Dialoge führten bei mir unweigerlich zum Schmunzeln, aber in so wohldosiertem Maße, dass die Authentizität stets bewahrt blieb.

Fazit

»Wie lange bleibst du hier?«
»Nur kurz, Großmutter.«
Sie ließ den Kopf auf die Handarbeit sinken.
»Aber wenn du willst, nehme ich dich mit nach Mailand. Mama wäre überglücklich, das weißt du ja.«
»Nein, mein Junge, mir gefällt es so gut hier bei mir zu Haus!« sagt sie und hob ihr Gesicht, das vor Zufriedenheit strahlte.
– S. 222 –

Für mich sind Familiengeschichten dieses Formats immer eine besondere Freude und so bin ich dem Verlag sehr dankbar für dieses Rezensionsexemplar, welches mir eine wunderbare Sommerlektüre bescherte, die so möglicherweise erst im Herbst oder Winter gelesen worden wäre. Ich möchte sie jedem ans Herz legen, »Damals, am Meer« oder »Der Sohn des Sohnes« wie das Buch im italienischen Original heißt, lässt all diejenigen, die zu Hause geblieben sind, eine Reise ans Meer unternehmen und vielleicht ein klein wenig über die eigene Familie und den Begriff der Heimat reflektieren. Es ist eine ganz besondere Geschichte und vermutlich dennoch übertragbarer als man zuerst denken mag und vor allem ist die Beschreibung der Reise eher metaphorischer Natur als dass man epische Beschreibungen italienischer Landschaften erwarten kann. Dennoch kommen sie in meinen Augen nicht zu kurz und man spürt mit ein wenig Phantasie die Sonne und das Rauschen des Meeres.

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Bücherwurmloch, brisliteratouren und Ada Mitsou liest….

Von mir gibt's

Kommentare

  1. Pingback: Natalie Schöttler

  2. Mir war das Buch auch schon aufgefallen – wegen dem Titel. Erstmal dieses „damals“, was ja auch gern etwas ältere Leute benutzen, die erzählen und dann zusätzlich das Meer. Ich hatte mit dem Buch also rein äußerlich irgendwie nostaligschen Urlaub verbunden 😉 Ich möchte auch mal wieder ein druckfrisches Buch lesen. Hoffentlich komme ich bald mal wieder dazu, wenn ich meine Arbeit abgegeben habe.

    • Ich wünsch‘ es dir, denn so ein druckfrisches Buch auf das man sich möglicherweise schon länger gefreut hat, weil man es frühzeitig in den Vorschauen entdeckte oder den Autor mag ist schon etwas besonderes – mindestens ebenso besonders wie ein lang gesuchtes oder ewig empfohlenes auf antiquarischem Wege zu entdecken. Viel Erfolg bei deiner Arbeit!

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