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Rezension | »Der Nachtzirkus« von

Man muss kein Reveur werden, um das Buch zu mögen

Morgenstern, Erin - Der Nachtzirkus

Ich muss zugeben, dass die nachfolgende Besprechung einer etwas verzerrten Wahrnehmung entspringt. Das ist darin begründet, dass ich den Nachtzirkus im April begonnen habe, ihn aber wegen der Arbeit an unserem Abschlussprojekt »Lesefutter« erst im Juli beenden konnte. Es rutschte also einiges an Belletristik dazwischen, der Kopf war woanders, der Stress steigerte sich ins Unermessliche und die Notizen waren dürftig. Es lag also nicht am Buch selbst, sondern vielmehr daran, dass ich kaum Zeit zum Freizeitlesen fand. Eine Mitschuld trägt das Buch oder besser die Autorin aber dennoch, denn sie verlor mich zur Mitte hin etwas, wenngleich ich mir eben nicht sicher sein kann, ob es nicht doch die Ablenkung durch die äußeren Umstände war. Lasst euch also nicht zu stark von mir leiten, probiert es gegebenenfalls selbst und versteht meine Besprechung mehr als Tendenz. Vielen lieben Dank für euer Verständnis!

Worum geht’s?

»Der Zirkus kommt überraschend. Es gibt keine Ankündigung, keine Reklametafeln oder Plakate an Litfaßsäulen, keine Artikel und Zeitungsanzeigen, Plötzlich ist er da, wie aus dem Nichts.«
Seite 7

Zwei Kinder um 1900. Ein Mädchen, das ihren Vater, einen großen Magier, erst nach dem Tod der Mutter kennenlernt. Ein Junge, Waise und auserwählt von einem ebenso großen Magier und Kontrahenter des Vaters. Beide sind dazu verurteilt sich in einem magischen Kampf gegenüber zu stehen, ohne dass sie dies ahnen würden oder etwas dagegen sagen könnten. Cecilia leidet unter der Autorität des Vaters, Marco lebt auf und ist wissbegierig, aber mindestens ebenso einsam. Die Bühne dieses arrangierten Kampfes der jungen Magier bildet ein Zirkus, aber nicht irgendein Zirkus, sondern der sagenumwobene Cirque des Rêves, schwarz und weiß und ausschließend in der Nacht geöffnet. Ergänzt wird diese, für sich bereits interessante Idee, natürlich, durch eine verbotene Liebe wie schon Shakespeare sie niederschrieb. Den Reiz macht also nicht nur die Geschichte aus, sondern auch ihre Nebenschauplätze und das Werkzeug der Autorin, ihre zauberhafte Sprache.

Rezension

Die Erzählweise, ihre geradezu magische Sprache, lässt das Debüt von Erin Morgenstern im Kopf explodieren und verzauberte mich, anders kann ich es wahrlich nicht ausdrücken. Ich begriff recht schnell, worum es geht und mutmaßlich noch gehen sollte. Die Worte, die die Autorin findet, um die Abende zu beschreiben, in denen sich die illustre Gesellschaft zum Essen zusammenfindet, den zu gründenden Zirkus plant und ich die Charaktere kennenlernen durfte, sind einfach nur wunderbar. Die Sorgen einiger, die Liebesgeschichte würde zu vordergründig, kann ich beruhigen, mich störte sie keinesfalls, die Erlebnisse vieler Charaktere um den Zirkus herum sind weitaus gewichtiger als die Liebesgeschichte. Um so interessanter wird es, wenn es um die Verfilmung geht, insbesondere weil Summit Entertainment – die auch Twilight verfilmten – die Rechte erworben hat. So ein Film ist schließlich auch immer eine Interpretation der Geschichte, ich kann mir die filmische Umsetzung auf jeden Fall sehr gut vorstellen. Nur zum Ende hin konzentrierte sich die Autorin auf den Abschluss der Geschichte, die Nebenstränge verschwinden und die Liebesgeschichte wird etwas! zu übermächtig.

Einzig die zeitlichen Sprünge, erkennbar an den Daten am Anfang der kurzen Kapitel, sind stellenweise etwas verwirrend. Sie hinderten mich wirklich loszulassen und mich der Geschichte hinzugeben, denn sie führten meines Erachtens zu einer nicht notwendigen Anspannung, wie nach zu vielen Espressi. Ich möchte also jedem raten, sich nicht über alle Maßen, aber doch konzentriert diesem phantastischen Werk zu widmen. Den Sprüngen und der zu langen Pause (wie eingangs erwähnt wegen der äußeren Umstände) geschuldet, blieb mir nach dem Zuschlagen der letzten Seite leider das Gefühl, etwas verpasst zu haben, etwas nicht mitbekommen zu haben. Schade.

»Im Grunde ging es stets um Chaos und Kontrolle und die Frage, welche Methode sich durchsetzt.«
Seite 451

Trotz dieses Gefühls, bleibt die Geschichte irgendwie im Kopf und die verzaubernde Wirkung ihrer Sprache im Herzen. Wer also einem Wagnis nicht abgeneigt ist, sollte zu diesem Buch greifen und dem magischen Duell folgen, um das sich alles dreht und das Fundament der Geschichte darstellt.

Haptik und Trivia

Es ist nicht unbedingt so, dass ich diesen Aspekt meines Leseerlebnisses konsequent in jeder Besprechung unterbringe, aber hier bestand die Notwendigkeit. Die Gestaltung als solches ist trotz des Sujets sicherlich nichts überragendes, versucht aber dennoch dem entgegenzukommen. Das Motiv und der Silberdruck, die Blindprägung und das gestreifte Vorsatzpapier lassen sich als durchaus gelungen bezeichnen. Was hingegen negativ aufstößt ist die allgemeine Qualität, die mangelnde haptische Erfahrung, zu schade. Zum Beispiel ist das Hardcover kein wirkliches Hardcover, sondern vielmehr ein Pappdeckel; die Typographie ist mangelhaft, da immer wieder Buchstaben zusammenfließen ohne eine echte Ligatur darzustellen. Es ist letztlich alles im Rahmen, aber eben doch irgendwie bedauernswert unperfekt. Leider ein Trend, der sich immer häufiger beobachten lässt, ganz egal aus welchem Verlag ein Buch stammt. Nur wenige Verlage stellen sich scheinbar konsequent dagegen.

Fazit

Wer sich vom Klappentext oder den ersten Zeilen angesprochen fühlt, sollte das Buch lesen, sollte eintauchen in die phantastische Welt des Cirque des Rêves und sich nicht vom Zirkusthema abschrecken lassen. Auf der einen Seite ist es omnipräsent, auf der anderen Seite geht es um so viel mehr, um verschiedene Nebenstränge und zutiefst menschliches und natürlich um die Liebe. So werden auch jene nicht enttäuscht, die mit dem Zirkus oder allzu phantastischen Werken sonst wenig anfangen können. Man muss kein Rêveur werden, um das Buch – zumindest ein wenig – ins Herz zu schließen, denn trotz aller Kritik und meiner abschließenden Wertung, bin ich froh dieses Buch gelesen zu haben. Die Art und Weise, wie Erin Morgenstern mit Worten umgeht, ihre wunderbare Sprache machten mir große Freude und lassen mich auf einen nächsten Roman von ihr hoffen.

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Bücherkaffee, LeseLust & LeseLiebe, Popkulturschock und Die Büchertante.

Von mir gibt's

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