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Rezension | »Der verführerische Charme der Durchschnittlichkeit « von

Großes Thema mit schwacher Story

Jacoby, Melissa – Der verführerische Charme der Durchschnittlichkeit

Der Titel wirft ganz direkt und ohne Umschweife die Frage auf, um welche Art von Durschnittlichkeit es wohl gehen wird und worin ihr Charme liegen soll. Ein Blick in den Klappentext bringt dann Licht ins Dunkel, es geht um Hochbegabung.

Der junge Mead ist ein Genie – und doch beobachtet er die Menschen um sich herum mit großen, staunenden Augen: Warum reagieren sie oft so irrational? …

Das Thema lässt den Titel nun gleich etwas provozierender wirken und schürte bei mir die Sorge, dass nur auf einen an Fahrt gewinnenden Zug aufgesprungen wird. Der Spiegel griff das Thema „Zu schlau für den Job“ auf und machte daraus gleich auch noch ein Magazin Spezial mit dem Titel „Bin ich schlau?“. Die ZEIT hingegen hat ihre Leser dazu befragt und es treffend unter dem Titel „Die Gabe richtig nutzen“ zusammengefasst. Das Ganze kulminiert in schier unaufhörlichen Fragen besorgter Eltern in diversen Foren, wie sie denn nun die Hochbegabung ihrer Kinder erkennen können und der wachsenden Gruppe von Eltern im Prenzlauer Berg, die zusätzliche Hochbegabtenklassen fordern, weil die Anzahl derer scheinbar explodiert. Vermutlich weniger wissenschaftlich fundiert, sondern vielmehr aufgrund der in eben jenen Foren häufig zu findenden qualifizierten Schwarmansichten.

Zurück zum Buch: Schon eine ganze Weile machte es sich dieses Buch auf meinem Stapel ungelesener Bücher bequem, immer wieder griff ich zu einem anderen. Nun war es dann so weit, ich wollte eigentlich einen schmalen Thriller lesen und griff dann doch zum Debüt und bislang einzigen Werk der Autorin Melissa Jacoby.

Worum geht’s

Der Roman beginnt wenige Tage vor der Abschlussfeier: Theodore „Mead“ Fegley ist aus dem Wohnheim der Chicago University abgehauen. Zurück zu seiner Mutter, dem „sechsbeinigen Monster“ und seinem Vater, dem Bestatter. Der hochbegabte Mead verweigert sich dem Abschluss in Mathematik. Mit gerade mal Fünfzehn wurde er an eben jeder Universität angenommen, bis heute hat er die Vorgabe seiner Mutter, strebsam zu sein, Folge geleistet. Bis heute, denn von nun an möchte er „normal“ sein und so ist seine Flucht nach Hause auch eine Reise in die langersehnte Durschnittlichkeit und weg von all den Erwartungen an seine Person. Damit skizziert Melissa Jacoby übrigens einen, wie ich finde, interessanten Ansatz der gemeinsam mit dem Titel einiges erwarten lässt.

“’Ich will nicht mehr ich sein. Ich bin es leid, ein Genie zu sein. Ich kündige.‘

’Das kannst du nicht. Du bist nun mal ein Genie.‘

’Nein, das bin ich nicht. Du hast mich erst dazu gemacht. Ich will einfach nur normal sein, ein Gesicht in der Menge, für das sich niemand interessiert.‘

’Das ist jetzt nicht dein Ernst.‘

’Weißt du, was dein Problem ist, Ma? Du bist eine unglaublich schlechte Zuhörerin. Du hast keine Ahnung, wer ich bin oder was ich will, weil du viel zu sehr damit beschäftigt bist, mir zu erzählen, was du willst. Die ganze Zeit teilst du ungebeten Ratschläge aus. Jetzt hab ich mal einen Rat für dich: Lass mich in Ruhe.‘ Damit stürmt er in sein Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu.“

– S. 204

Die Geschichte von Mead und was ihn letztlich dazu brachte, das zu tun was er tat, erzählt die Autorin mit diversen Zeitsprüngen, ausgehend vom Datum der Abschlussfeier – „8 Tage vor der Abschlussfeier“ gefolgt von „4 Monaten“, „8 Jahren“ und „3 Jahren vor der Abschlussfeier“.

Im weiteren Verlauf der Geschichte erfährt man, wie es wohl ist ein Mathegenie, immer der Jüngste, den hohen Erwartungen der Eltern ausgesetzt zu sein und es „zu etwas zu bringen“ zu müssen. Die ein oder andere Lektion in sozialer Kompetenz gepaart mit etwas skurril wirkenden Halluzinationen Meads führen dann direkt zu seinem Wunsch, endlich „normal“ zu sein.

Rezension

Im Zentrum der Geschichte steht meiner Meinung nach nicht etwa die Hochbegabung, sondern vielmehr sein Leben als Außenseiter. Eine Korrelation, die – und hier möchte ich auf den eingangs genannten Artikel in der ZEIT verweisen – keineswegs eine zwingende ist. Folglich ist der verführerische Charme der Durchschnittlichkeit für Mead enorm, denn seine Klugheit und seine, in Teilen von der Mutter aufgezwungene, Strebsamkeit machten ihn einsam. Das Leben der anderen, allen voran seinem Cousin Percy, scheint ungleich attraktiver, geradezu gemütlich in ihrer Mittelmäßigkeit. Deshalb geht es viel weniger um die Lasten der Hochbegabung, mein stärkster Kritikpunkt, sondern vielmehr um den Wunsch eines Jugendlichen dazuzugehören.

„Mead und sein Vetter könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind wie Tag und Nacht. Verstand gegen rohe Kraft. Intellektueller Langweiler gegen Sportskanone. Doch das wird nicht immer so bleiben. Das redet Mead sich zumindest ein: dass der Status seines Vetters als beliebtester Junge der Schule von kurzer Dauer sein wird, dass seine Zeit im Rampenlicht mit dem Abschluss der Highschool ihr ende finden wird, dass seine großen Tage bald unwiderruflich der Vergangenheit angehören. Mead sagt sich, dass seine besten Jahre noch vor ihm liegen, dass seine gottgegebenen Fähigkeiten besser bei den anderen ankommen werden, sobald er das Kleid der Kindheit abgelegt hat und sein neues Leben als Erwachsener beginnt, dass er bei seinen Altersgenossen eines Tages ebenso beliebt sein wird, wie Percy es jetzt ist. Nur das Meads Beliebtheit bis zum Ende seiner Tage anhalten wird. Er muss bloß Geduld haben und noch ein paar Jahre durchhalten.“

– S. 63

Wie meine Einleitung bereits vermuten lässt, ist das Thema Hochbegabung meiner Ansicht nach ein schwieriges. Zum einen, weil eine Tendenz zur Überinterpretation von Merkmalen nicht in Abrede zu stellen ist, zum anderen weil die Begrifflichkeit selbst diskutabel und die Rezeption von Film und Literatur zwangsläufig zu Klischees führt. Hier hätte die Autorin ansetzen können, um weniger einen Affen im Glaskasten oder einen Zuchthengst zu porträtieren, sondern tiefer in das Thema einzusteigen.

Laut dem Verlag bearbeitet die Autorin mit ihrem Debüt in Teilen ihre eigene Biographie, wobei ihr Vater das Vorbild für die Figur des Mead liefert. Nun lässt sich darüber streiten, wie authentisch nun die von der Tochter aufgeschrieben Geschichte sein kann und inwieweit sich Melissa Jacoby nicht doch von der üblichen Darstellung der Hochbegabung hat beeinflussen lassen.

Alternativ hätte der Roman durch einen geringeren Fokus auf die Hochbegabung und dem Erzählen der Geschichte eines liebenswerten Außenseiters für mich durchaus gewinnen können. Der Junge, der dazu gehören will aber einfach nicht gut genug ist im Sportunterricht; der Junge, der nicht versteht, das sein Lieblingshobby sonst niemanden interessiert; der Junge, der aufgrund einer besonderen Begabung oder eines Talents unter dem Ehrgeiz der Eltern erstickt und sich nach Bequemlichkeit sehnt oder der Junge, der immer gehänselt wird, weil er der kleinste von allen ist. Es sind Probleme und Herausforderungen die alltäglich sind, der Umgang damit ist es, der mich interessiert hätte. Er ist es, der im vorliegenden Roman zu kurz kommt.

Dennoch möchte ich Melissa Jacoby Talent für witzige Situationen und unterhaltsame Dialoge zusprechen, denn die waren es, die mich bis zum Ende haben lesen lassen.

„Er ist nicht allein dort. Jemand duscht. Während Mead sich die Zahnzwischenräume reinigt, öffnet sich die Duschkabine, und kurz darauf sieht er im Spiegel, wie ein Mädchen in sein Blickfeld tritt. Ein splitternacktes Mädchen, das sich mit einem rosa Handtuch die Haare trocknet. Peinlich berührt starrt Mead ins Waschbecken. Er ist wohl ins falsche Bad gegangen. Sie blickt ebenfalls auf, sieht, wie Mead sie anstarrt, schreit und bedeckt ihre Blöße. ‚Lieber Himmel‘, sagt sie, ‚hast du mir vielleicht einen Schrecken eingejagt. Wie bist du hier reingekommen?‘

‚Mit tausendsechshundert Punkten in meinem Zulassungstest.‘

‚Willst du damit sagen, du studierst hier? Du siehst so jung aus.“

‚Entschuldige. Ich bin wohl ins falsche Bad gegangen.‘

Da lacht sie. Es ist in keiner Weise gehässig, sondern einfach nur ein Lachen. ‚Hat dir das niemand gesagt? Es gibt hier im Wohnheim keine getrennten Badezimmer. Willkommen an der Uni.‘“

– S. 109

Es ist nicht so, dass das Risiko bestand, dass ich das Buch gar nicht beende, aber vor allem der mittlere Teil wirkt sehr langatmig, die Halluzinationen „zu viel des Guten“ und konstruiert. Die Autorin verliert sich in mathematischen Forschungen Meads und ich wurde das Gefühl nicht los, auch ihren eigenen, roten Faden.

Fazit

Ich persönlich empfand die Zeitsprünge oder vielmehr die Kennzeichnung dieser eher verwirrend, mir erschloss sich auch nicht der Sinn, da es das Verständnis für Mead und sein Handeln nicht verbesserte.

Mein Fazit besteht selten darin, dass ich eine Geschichte vorhersehbar finde, so auch hier nicht, aber dennoch fehlte mir die ein oder andere Überraschung, etwas Neues und darüber konnten auch die schönen inhaltlichen und sprachlichen Ideen und der stellenweise wunderbare Witz nicht hinwegtrösten.

Es sind Wünsche und Vorstellungen, die Mead umtreiben und die sicherlich nicht nur Hochbegabte haben, sondern jeder, der am Rand der (kindlichen) Gesellschaft steht, aus welchen Gründen auch immer. Einzig diejenigen, die immer im Mittelpunkt des Geschehens standen, die sich in ihrer eigenen Beliebtheit stetig noch steigerten, die können an der Geschichte von Mead noch wachsen, indem sie anfangen zu reflektieren.

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert im Bücherwurmloch und im Leseturm.

 

Von mir gibt's

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