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Rezension | »Sunday Girl« von

Die Vergangenheit holt einen immer ein, es ist nur eine Frage der Zeit

Ashdown, Isabel - Sunday Girl (1)

Es ist immer wieder schön, durch andere Blogs und Aktionen auf neue Autoren und Bücher zu stoßen. Auf diese Weise entdeckte ich vor drei Jahren das Debüt von Isabel Ashdown im Rahmen der Aktion „Rezensionen für Eichborn“. Entsprechend groß, war die Freude, als ich ein Jahr später ihr Zweitlingswerk von einer guten Freundin geschenkt bekam. Meine zur selben Zeit initiierte Lesegruppe wählte dann „Sunday Girl“ auch als ihr erstes gemeinsames Buch aus, weswegen ich es dann auch schnell las.

Sarah schnappt nach Luft, und ihr Bewusstsein scheint zu schwinden. Kalter Schweiß bedeckt ihren Körper. Sie presst den Turnbeutel an die Brust, taumelt durch den Korridor und drückt die Knie zusammen, um die Flut zu stoppen. Sie schluchzt jetzt; um keinen Preis möchte sie so gefunden werden, und als sie den Heizungsraum erreicht, gibt die Tür nach, und sie ist auf der rohbehauenen Holztreppe, die in die feuchte, steinerne Dunkelheit des Kellers führt.
– S. 307

Ging es in ihrem Debüt „Am Ende eines Sommers“ um psychische Krankheiten und Alkohol, beschäftigt sich die Autorin diesmal mit den Qualen der Jugend eines Mädchens, mit der ersten Liebe und Freundschaften. Nichts von alledem wirkt konstruiert, alles könnte genauso gewesen sein. Mir gab das Kennenlernen dieser eingängig beschriebenen Psyche einer jungen Frau die Möglichkeit, diese mit eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zu vergleichen. Eben diese oftmals feinen Unterschiede und Parallelen zwischen weiblicher und männlicher Jugend und den Blick auf das jeweils andere Geschlecht waren übrigens die hauptsächlich diskutierten Aspekte des Buches in meiner Lesegruppe.

Da es noch keinen deutschen Eintrag für Isabel Ashdown auf Wikipedia gab, habe ich diesen gleich mal angelegt. Mutmaßlich durch die Übernahme von Eichborn, warte ich wohl vergeblich auf das Erscheinen ihres dritten Romans „Summer of ’76“ und dem vierten „Flight“, an dem sie laut ihrer Website aktuell arbeitet. Schade, aber vielleicht auch ein kleiner Tritt in den Hintern, englische Literatur endlich mal im Original zu lesen. Wenigstens auf dem Wunschzettel ist das englische Original mittlerweile bereits gelandet.

Worum geht’s

Sarah betritt nach über zwanzig Jahren zum ersten Mal den Ort ihrer Kindheit und Jugend, East Selton. Dort, wo sie allein mit ihrem schon älteren Vater, einem Hochschullehrer, in fast schon freundschaftlicher Zweisamkeit aufwuchs. Dort, wo sie mit ihren Freundinnen lachte, über Jungs lästerte und letztendlich ein einschneidendes Erlebnis das Ende ihrer Jugend vorwegnahm. Ein Ereignis, das sie dazu brachte, ihre Heimat für fast ein Vierteljahrhundert zu verlassen und erst für ein Klassentreffen zurückzukehren.

‚Ich konnte es nicht fassen, als ich deine Mail bekommen habe‘ sagte sie. ‚Das ist Jahre her.‘

’Vierundzwanzig Jahre‘, antwortet John.

Sie nickt.

’Ich hab’s ausgerechnet. Es war kurz vor deinem sechzehnten Geburtstag, nicht wahr?‘

’Du hast ein gutes Gedächtnis.‘

Er wendet den Blick nicht von der Straße. ‚Na ja, eben warst du noch da, und im nächsten Augenblick warst du weg. So was bleibt in Erinnerung.‘

– S. 6

Rezension

Ein Klassentreffen, das den Einstieg und gleichzeitig den Rahmen für die darauffolgenden Rückblenden in die Jugend eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden bietet oder besser noch, eine spannende Abfolge aus Rückblenden und Gegenwart. Eine Jugend, die durch Ereignisse und darauffolgendes Schweigen, früher ihr Ende fand, als notwendig.

Isabel Ashdown enttäuscht mich mit ihrem zweiten Roman kein Stück – im Gegenteil, sie erfüllt meine Erwartungen und das ist wunderbar. Sie erzählt, wie schon in ihrem Debüt, eine Geschichte die fast dokumentarisch scheint und ist dabei dermaßen authentisch, das ich mich sofort mittendrin fühlte, obwohl es die Geschichte von Sarah ist.

Sie konzentriert sich eben darauf, sie schweift nicht ab, lässt damit auch das ein oder andere offen, skizziert persönliche Entwicklungen und verliert sich nicht in Nebenhandlungen, ohne fade oder langweilig zu werden – lässt Raum, um sich als Leser ein eigenes Bild zu machen und der Geschichte genug Tempo zu geben.

Sarahs Wiedersehen mit ihrer Vergangenheit gleicht nach so langer Zeit einer Abrechnung und Konfrontation. Isabel Ashdown erzählt glaubhaft und mitfühlend, wie es als Mädchen in den 80ern war, mit Blondie und Bananarama, der ersten Liebe und all den Sorgen, Ängsten und Nöten, die heute sicher ebenso quälend sein können.

Das Buch brachte mich trotz der tragischen Geschichte hin und wieder zum Schmunzeln, denn auch der schlimmsten Erfahrungen innewohnende Humor fehlt nicht, wunderbar.

Fazit

„Sunday Girl“ ist ein Roman, der ruhig und ohne jede Aufregung auf eine Jugend zurückblickt, die ein vorzeitiges Ende fand. Ein Leben und eine Geschichte, die emotional berührt und lange im Gedächtnis haften bleibt, die es lohnt zu lesen und die ich jedem Empfehlen kann.

Das Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Lesefee, Buchstabengeflüster und Geschichten erzählen ….

Von mir gibt's

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